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Paul Auster
4 3 2 1
Rowohlt * 978-3-498-00097-4 * 29,95 €

Paul Auster, einer der bekanntesten und wichtigsten zeitgenössischen amerikanischen Autoren, hat nun sein Opus Magnum vorgelegt, den ca. 1300 Seiten starken Roman „ 4 3 2 1“. Er ist gerade 70 Jahre alt geworden, war mit seinem Roman auch hier in Deutschland auf einer Lesereise.

Zu Beginn des Buches wird der russisch-jüdische Einwanderer Isaac Reznikov im Jahr 1900 auf Ellis Island als Ichab Ferguson registriert.
An die Anfänge  der Ferguson`schen Familiengeschichte  schließen 7 Kapitel an, die sich jeweils in 4 Abschnitte auf fächern: 4 mögliche Lebenswege des Enkels Archie Ferguson. Das Buch umfasst im wesentlichen den Zeitraum 1947 bis 1970, Geburt Archies in Newark/New Jersey bis 1970/Ende der Studienzeit.

Die vier Entwürfe des Kindes und jungen Mannes Archie Ferguson spielen mit dem Gedanken, wie unterschiedlich ein und dasselbe Leben verlaufen kann, wenn es verschiedenen Voraussetzungen, Zufällen, Begegnungen ausgesetzt ist.

Der aus Russland eingewanderte Großvater bekommt mit seiner Frau drei Söhne, die gemeinsam eine Firma für elektrische Geräte gründen. Der Vater Archies Stanley ist entweder mit seiner Firma erfolgreich oder überwirft sich mit seinen Brüdern oder kommt im Feuer, das in seinen Geschäftsräumen ausbricht, um. Samuel heiratet Rose, Archies Mutter, die sich in einer biographischen Versuchsanordnung von der Inhaberin eines Fotostudios zur gefragten anspruchsvollen Fotografin entwickelt und ihren Mann verlässt.

Archie wächst entweder in einer intakten Ursprungsfamilie auf oder in einer Patchworkfamilie mit weiteren Stiefgeschwistern; Onkel und Tanten fügen sich an.
Nach Grundschuljahren folgen Highschooljahre vor Ort oder im Internat. Baseball- und Basketballleidenschaft beschäftigen den einen Archie, der andere beginnt früh für die Schülerzeitung zu schreiben, einer liebt die Laurel- und Hardy-Filme, der andere schreibt Geschichten und erste Gedichte.

Archie entdeckt das andere Geschlecht: Amy ist entweder seine Freundin über eine lange Zeit, seine Stiefschwester oder auch die unerreichte Liebe seines Lebens. Archie – in vier Varianten - macht aber auch homosexuelle Erfahrungen, prostituiert sich gar. Überraschend, dass in diesem bürgerlich-jüdischen Milieu die freie Beziehung miteinander toleriert wird. Auf Widerstand stoßen die Beziehungen Amys oder auch Archies zu schwarzen PartnerInnen.

Prägend sind auch die Freundschaften Archies zu anderen jungen Männern. Gemeinsame Sporterlebnisse, Ferienfreizeiten, gemeinsames Engagement im Team der Schülerzeitung, aber auch erstes gemeinsames literarisches Interesse: all dies begründet langjährige Freundschaften.
Auster erzählt von diesen Lebensläufen und -entwürfen verbunden mit den politischen und kulturellen Entwicklungen jener Jahre: Archie erlebt vor allem während seiner Collegejahre die  Rassenunruhen und den Vietnamkrieg, das Aufbegehren der StudentInnen. Er interessiert sich für europäische Literatur, französiche Lyrik und Filme, schreibt eigene Texte und übersetzt. Er reist und lebt längere Zeit in Paris.
Eine Fülle von Stoff wird in diesem Roman verarbeitet, im Grunde eine Schilderung des intellektuellen, jüdischen Milieu Amerikas, aus dem Paul Auster stammt; und das ohne die Berührungen und Einflüsse Europas gar nicht denkbar ist.

Ein äußerst interessantes und  vielseitiges Buch, spannend verwoben mit der amerikanischen Geschichte; immer mit dem Gedanken spielend: Wer wäre ich geworden, wenn... Was wäre mit mir passiert unter anderen Einflüssen und Umständen …? Ein Buch, das im Grunde exklusiven Politik- und Lebenskonzepten Widerstand entgegen setzt, und die Lebendigkeit der Lebensläufe favorisiert.
Die vielleicht zu Beginn des Buches auftauchende Skepsis, der Fülle des Stoffes und den vier Lebensläufen Archies gewachsen zu sein, ist unbegründet. Man kann sich der Erzählkunst Austers  - aufmerksam zwar – ruhig überlassen.


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Fatma Aydemir
Ellbogen
Hanser * 978-3-446-25441-1 * 20 €

Sie ist siebzehn. Sie ist in Berlin geboren. Sie heißt Hazal Akgündüz. Eigentlich könnte aus ihr eine gewöhnliche Erwachsene werden. Nur dass ihre aus der Türkei eingewanderten Eltern sich in Deutschland fremd fühlen. Und dass Hazal auf ihrer Suche nach Heimat fatale Fehler begeht. Erst ist es nur ein geklauter Lippenstift. Dann stumpfe Gewalt. Als die Polizei hinter ihr her ist, flieht Hazal nach Istanbul, wo sie noch nie zuvor war. Warmherzig und wild erzählt Fatma Aydemir von den vielen Menschen, die zwischen den Kulturen und Nationen leben, und von ihrer Suche nach einem Platz in der Welt. Man will Hazal helfen, man will mit ihr durch die Nacht rennen, man will wissen, wie es mit ihr und mit uns allen weitergeht.

In ihrem Debüt „Ellbogen“ erzählt Fatma Aydemir von einer jungen Deutschtürkin, die einen Menschen tötet – und das nicht bereut
Am wenigsten glaubt Hazal an sich selbst. Das ändert sich im Verlauf von „Ellbogen“. Doch die Art und Weise, wie der Debütroman von Fatma Aydemir diese Selbstfindung erzählt, enthält jede Menge Sprengstoff. Ausgerechnet in der Nacht, in der sie volljährig, erwachsen, mündig wird, tötet Hazal einen Menschen – und weigert sich anschließend, die Tat zu bereuen. Sie will kein „Opfer“ mehr sein. Dann lieber Täter.
„Ellbogen“ ist eine Provokation der liberalen Mehrheitsgesellschaft

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Lukas Bärfuss
Hagard
Wallstein * 978-3-8353-1840-3 * 19,90 €

Ein Mann, eben stand er während des Feierabendgedrängels noch am Eingang eines Warenhauses, folgt aus einer Laune heraus einer Frau. Er kennt sie nicht, sieht sie auch nur von hinten, aber wie in einem Spiel sagt er sich: Geht sie dort entlang, folge ich ihr nicht weiter; geht sie in die andere Richtung, spiele ich das Spiel noch eine kleine Weile weiter. Es bedeutet ja nichts, niemand kommt zu Schaden, und der Abstand in der Menge ist so groß, dass die Frau es gar nicht bemerken wird. Eher ist es eine sportliche Aufgabe, sie in der Menge nicht zu verlieren.
In einer knappen Stunde hat Philip ohnehin einen wichtigen Termin. Aber schon fragt er sich, ob der nicht auch zu verschieben wäre, bis zur Abendverabredung bliebe ja noch etwas Zeit. Was ihn bewegt, ist erst einmal unklar. Ist der Verfolger einfach ein gelangweilter Schnösel? Ein Verrückter? Ein Verbrecher? Er scheint selbst vor etwas zu fliehen.
Etwas Bedrohliches liegt in der Luft, etwas Getriebenes. Ein atemloser Sog entsteht, in den auch der Leser gerät, je länger die Verfolgung anhält. Allen Sinneswahrnehmungen haftet etwas beunruhigend Surreales an. Die aufgerufenen Fragen über unsere Lebenswirklichkeit im 21. Jahrhundert gewinnen eine unabweisbare Schärfe

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Isabelle Autissier
Herz auf Eis
mare Verlag * 978-3-86648-256-2 * 22 €

Sie sind jung und verliebt und haben alles, was sie brauchen. Aber ihr Pariser Leben langweilt sie, also nehmen Louise und Ludovic ein Sabbatjahr und umsegeln die Welt. Bei einem Ausflug auf eine unbewohnte Insel vor Kap Hoorn reißt ein Sturm ihre Jacht und damit jegliche Verbindung zur Außenwelt mit sich fort. Was als kleiner Ausbruch aus dem Alltagsleben moderner Großstädter gedacht war, mündet urplötzlich in einen existenziellen Kampf gegen Hunger und Kälte. Nicht weniger aufreibend ist das psychologische Drama, das sich zwischen den Partnern entspinnt. Wer trägt die Schuld an der Misere? Wer behält die Nerven und trifft die richtigen Entscheidungen? Und was wird aus der Liebe, wenn es ums nackte Überleben geht? Herz auf Eis ist ein Psychothriller der Emotionen - und die einsame Insel ein Sinnbild für alle großen Herausforderungen, denen sich die Liebe zuweilen stellen muss.

Isabelle Autissier, 1956 in Paris geboren und dort aufgewachsen, lebt heute in La Rochelle. Mit sechs Jahren entdeckte sie ihre Leidenschaft für das Segeln; 1991 machte sie Furore als erste Frau, die allein die Welt umsegelte. Seit den Neunzigerjahren widmet sie sich dem Schreiben. »Herz auf Eis« war für den Prix Goncourt nominiert und wurde in zahlreiche Länder verkauft.

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Julian Barnes
Der Lärm der Zeit
Kiepenheuer und Witsch * 9783462048889 * 20 €

Es ist das Jahr 1936. In Moskau haben die Schauprozesse begonnen. Stalin wohnt in Moskau der Aufführung der Oper "Lady Macbeth von Mzensk" des aufstrebenden jungen Komponisten Dmitri Schostakowitsch bei, die er dann allerdings zur Pause verlässt. In der Prawda erscheint am folgenden Tag ein Artikel mit der Überschrift "Chaos statt Musik". Schostakowitsch wird der bürgerlichen Dekadenz und des Formalismus bezichtigt, seine Werke erhalten Aufführungsverbot  - er scheint ein zum Abschuss freigegebener Mann. Jede Nacht nun wartet er im Treppenhaus darauf, dass ihn die Geheimpolizei abholt. Um seiner Familie den Anblick seiner Verhaftung zu ersparen, sitzt er bereits im Mantel und mit einem Koffer in der Hand vor dem Aufzug und erwartet die Männer vom NKWD. Ein halbes Jahr lang sitzt er da, Nacht für Nacht.

Schostakowitsch entgeht der Säuberung, doch was bedeutet es für einen Künstler, von nun an keine Entscheidung frei treffen zu können? In welchem Verhältnis stehen Kunst und Unterdrückung, Diktatur und Kreativität zueinander, und ist es verwerflich, wenn man sich der Macht beugt, um künstlerisch arbeiten zu können? Das ist der gedankliche Kern des neuen Romans von Julian Barnes.
Barnes konzentriert sich auf drei zentrale Szenen, die jeweils zwölf Jahre auseinanderliegen und die zwei Mal von der "schlimmsten" und schließlich von der "allerschlimmsten" Zeit dieses Lebens handeln. Wechselnde Perspektiven, philosophische Exkurse und einige denkwürdige Sätze bringen dem Leser den widersprüchlichen Charakter Schostakowitschs näher.
Auf die Epoche der Verfolgungen und Deportationen und Schostakowitschs nackter Angst ums Leben folgt 1948 die Demütigung, als hervorragender Repräsentant der Sowjetunion an einem Kongress für den Weltfrieden in New York teilnehmen zu müssen. Schostakowitsch hält dort eine Rede, die er nicht selber geschrieben hat und in der er unter anderem Strawinsky, den er sehr verehrt, mit den plumpsten Argumenten kritisiert.
Verlor er da jegliche Selbstachtung, so geht es im Jahr 1960 um seine Seele. Inzwischen herrscht zwar Chruschtschow und mit der Zeit des "Personenkults" wird abgerechnet, doch Schostakowitsch kann sich nicht dagegen wehren, in die Partei eintreten zu müssen und Vorsitzender des Komponistenverbandes zu werden. Damit ist er für den Rest seines Lebens Teil eines Apparates, den er hasst und mit dem er nie etwas zu tun haben wollte.
Grüßten ihn Freunde auf der Straße früher nicht aus Angst, das könnte ihnen schaden, so grüßen sie ihn jetzt nicht mehr, weil sie ihn verachten.

Man kann das Buch als historischen Roman lesen, in dem es um Angst, Opportunismus und Wahrheit geht. Vor allem aber ist es ein Künstlerroman, der die Hoffnung bewahrt, dass, wenn schon nicht der Künstler selbst, so doch seine Kunst sich über die Abgründe der Geschichte erheben möge.
"Was konnte man dem Lärm der Zeit entgegensetzen?", fragt Schostakowitsch in der zentralen Passage."Nur die Musik, die wir in uns tragen – die Musik unseres Seins –, die von einigen in wirkliche Musik verwandelt wird. Und die sich, wenn sie stark und wahr und rein genug ist, um den Lärm der Zeit zu übertönen, im Laufe der Jahrzehnte in das Flüstern der Geschichte verwandelt."

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Ulrike Schmitzer
Die Stille der Gletscher
Edition Atelier * 978-3-903005-25-9 * 18 €

Grüne Gletscher & gestohlenes Wasser. In den eisigen Höhen der Alpen stößt eine Fotografin auf ein Geheimnis. Während sie für eine Umweltschutzorganisation historische Gletscherfotos mit neuen Aufnahmen vergleicht, wird bald klar: Das Schmelzen der Gletscher liegt nicht nur am Klimawandel. In einem kauzigen Archäologen, einem agilen Professor und ihrem in Island lebenden Sohn findet sie Verbündete für ihre Nachforschungen. Als dann plötzlich eine Biologin spurlos verschwindet, sind sie den Drahtziehern der Verschwörung schon dicht auf den Fersen.

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Alina Herbing
Niemand ist bei den Kälbern
Arche Literatur * 978-3-7160-2762-2 * 20 €

Sommer in Schattin, Landkreis Nordwestmecklenburg. Christin ist gerade auf den Bauernhof ihres langjährigen Freundes Jan gezogen. Die Aufbruchsstimmung der Nachwendejahre, die ihre Jugend prägten, ist längst dahin, doch für Jan ist der väterliche Betrieb trotz sinkender Milchpreise noch immer das Wichtigste im Leben. Christin hingegen will nur weg. Aber wo soll sie hin ohne Ausbildung? Unüberwindbar scheinen die Grenzen, und so bleiben die immer gleichen Dorffeste, die immer gleichen Freunde, der arbeitslose Vater und der Kirschschnaps  aus dem Konsum. Bis Windkrafttechniker Klaus aus Hamburg auftaucht und Christin glaubt, einen Fluchtweg gefunden zu haben. Unerschrocken und mit großer Wucht erzählt Alina Herbing vom Landleben, wie es wirklich ist, von einer Jugend ohne Zukunft und einer vergessenen Region zwischen Ost und West.
In einem Interview sagte Alina Herbing: „Während andere in meinem Alter auf bilingualen Gymnasien Planspiele spielten, trank ich Wodka-RedBull mit Neo-Nazis.“

Mit „Niemand ist bei den Kälbern“ schafft Alina Herbing ein starkes Gegengewicht zu den romantisierenden Landleben-Romanen der letzten  Zeit.

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Carr, J. L.
Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten
Dumont * 978-3-8321-9854-1 * 20 €

Ein winziges Dorf in den Hochmooren von Yorkshire: Alex Slingsby ist Exfußballprofi, Grundschullehrer in Sinderby - und ein Mann mit Ambitionen. Unterstützt vom Schuldirektor, einem Exilungarn mit Doktor in Philosophie, nimmt er sich des amateurhaften örtlichen Fußballteams an. Die beiden bilden ein unkonventionelles Trainergespann. So wird etwa eine der zentralen Positionen im Team vergeben, frei nach dem Motto: »Ein Torwart muss kein guter Fußballer sein, er muss nur Raumgefühl besitzen«. Zu diesem Torhüter (der überdies noch leidenschaftlich gerne aufräumt) gesellen sich ein leicht depressiver Stürmerstar und der Pfarrer, dessen Schwester eine überzeugte Zeugin Jehovas ist. Und tatsächlich formiert sich aus einem Haufen Außenseiter nach und nach eine Mannschaft. Wie durch ein Wunder schaffen es die einfachen Männer aus Sinderby bis ins Finale des F. A. Cups im Wembleystadion. Aber dieser große Moment ist leider viel zu schnell vorbei ...
J. L. Carrs Roman ist viel mehr als ein Buch über Fußball - es ist eine Geschichte vom Erfolg des Underdogs, eine Geschichte voller unvergesslicher Charaktere und mit viel Witz, die doch von einer leisen Melancholie durchwirkt ist.

Mit einem Vorwort von SaSa StaniSic

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Franzobel
Das Floß der Medusa
Hanser * 9783552058163 * 26 €

Es ist ein Julimorgen im Jahr 1816. Die Unglücksfahrt der "Medusa", eine der bekanntesten Schiffskatastrophen der Neuzeit, nimmt von der Kasernenstadt Rochefort-sur-Mer im Südwesten Frankreichs aus ihren Lauf. Die Fregatte soll Soldaten, Siedler und den neuen Gouverneur in die Kolonie Senegal transportieren. Vom Schiffsjungen über das geschäftstüchtige Bürgertum, das in Afrika vor allem neue einträgliche Geschäftsfelder sieht, bis zum adligen Kapitän, auf der Fregatte ist ein Querschnitt der damaligen französischen Gesellschaft versammelt.

Im Laufe der Reise wird den Offizieren schnell klar, wie inkompetent der Kapitän ist. Eine Revolte hätte die Katastrophe verhindern können, doch keiner von ihnen hat dazu den Mut. Franzobel beschreibt streng an den historischen Fakten orientiert den Hergang der Katastrophe. Mit Vergnügen nimmt er nebenbei die Vertreter der alten Ständegesellschaft aufs Korn. Den Kapitän zeichnet Franzobel als schwachen Mann, der in Seidenstrümpfen, Schnallenschuhen und mit zusammengekniffenem Hintern umher spaziert, wenn er nicht gerade auf dem Klo sitzt.

Mit den Mitteln des filmischen Erzählens entwickelt Franzobel die Geschichte, folgt dabei vor allem einem Sympathieträger, dem Schiffsjungen Victor. Auch verheimlicht er uns Lesern nicht, dass es eine Distanz zwischen dem – kommentierenden - Erzähler und dem Erzählten gibt: so wird der zweite Offizier mit dem jungen Alain Delon  verglichen, ein anderer hat die Statur wie Lino Ventura. Das opulente Gesellschaftsporträt und historische Drama ist ein großer Lesegenuss, das seinen grausamen Höhepunkt erreicht, als die "Medusa" an den Sandbänken von Arguin vor Mauretanien aufläuft. 

13 Tage lang, die unendlich scheinen und in denen es zu Mord, Totschlag und Kannibalismus kommt, treibt das Floß auf dem Meer. Das letzte Drittel des Romans schildert das Schicksal der 147 Menschen, die von der Admiralität auf einem manövrierunfähigen Floß zurückgelassen worden sind. Nur 15 von ihnen überleben. Was auf dem Floß passiert ist, hielt der überlebende Schiffsarzt Jean-Baptiste Savigny in einem Bericht fest. Auch Franzobels Roman erspart das uns Lesern nicht. Nicht zuletzt auch in der erzählerischen Gestaltung dessen ist "Floß der Medusa" ist ein großer historischer Roman.

 

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Hannah Dübgen
Über Land
DTV * 978-3-423-28094-5 * 20 €

Über das, was wir suchen - in uns, im Anderen, in der Fremde

Berlin im Sommer 2013. Ein Fahrradunfall führt sie zusammen: Clara, eine junge Ärztin, und Amal, eine 21-jährige Studentin, die aus dem Irak geflohen ist und in Deutschland Asyl beantragt hat. Die beiden Frauen freunden sich vorsichtig an, gerade als Claras Freund Tarun, ein Architekt, durch ein Bauprojekt zum ersten Mal seit Jahren mit seiner Geburtsstadt Kolkata konfrontiert wird. Als Amals Großmutter stirbt, beschließt Clara spontan, an Amals Stelle nach Bagdad zu deren Mutter zu fliegen. Bei ihrer Ankunft in Bagdad weiß Clara noch nicht, dass sich ihr und Taruns Leben wie auch das von Amal entscheidend verändert hat.

Ein spannend und tiefgründig erzählter Roman über Selbstbestimmung, Wahrhaftigkeit und das Leben in der Fremde. Alles beginnt mit einem kleinen Unfall und am Ende sind uns die Figuren des Romans, ihre Fragen, ihr Ringen um persönliche Freiheit im Beziehungsgeflecht, aber auch Ihre Anteilnahme sehr nahe gekommen.

Unbedingt lesen!

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John Williams
Augustus
dtv * 9783423280891 * 24 €

Nach den viel gerühmten  Romanen "Stoner" und "Butcher’s Crossing". hat der dtv-Verlag  nunmehr  auch sein drittes großes Werk  herausgegeben – den bereits 1971  im Amerikanischen erschienen und dort mit dem National Book Award ausgezeichneten Roman über den römischen Kaiser Augustus.

Wer iin den dunklen Kellern seines Gedächtnisses noch über einige Bruchstücke römischer Geschichte verfügt, erinnert sich vielleicht an die Situation nach der Ermordung Cäsars: in Rom herrscht Unruhe bei den mächtigen Mitgliedern des römischen Senats. Cäsar hatte seinen Neffen Octavius zum Nachfolger erklärt, und der gesundheitlich schwächelnde Neunzehnjährige ist gewillt, das Testament seines Onkels zu erfüllen. Er nennt sich nun Octavius Caesar und macht dem machthungrigen wie ehrgeizigen Marcus Antonius einen Antrittsbesuch. Der glaubt, dass von diesem jungen Mann ohne jegliche Machtbasis kaum eine Gefahr ausgehen werde - und irrt sich gründlich. Aus dem jungen Octavius wird ein so skrupelloser wie bedachter, ein so kluger wie kämpferischer Herrscher, der unter dem Namen Augustus als erster Kaiser Roms in die Geschichte eingehen wird.

Zur Freude der Leserschaft setzt uns John Williams diesen Stoff nicht als schlicht nacherzählte Romanbiographie vor. Er  komponiert ihn vielmehr   als ein Mosaik  aus Briefen, Memoiren und Gedichten. Deren Verfasser sind Personen der Zeitgeschichte, ihre Briefe und Notizen hingegen Fiktion. Es schreiben Marc Anton, Marcus Agrippa, Horaz und Ovid. Es gibt aber auch Episteln von Augustus’ ehrgeiziger Ehefrau Livia oder ein so berührendes wie kluges Tagebuch seiner Tochter Julia.

Mit zunehmender Erzähldauer lockt er uns hinein in das römischen Leben und die römische Geschichte - in Dekadenz, Intrigen, Schlachten, Morde, aber auch in die Dichtung, die Lust und die Liebe. Das liest sich spannend und ist darüber hinaus erschreckend aktuell, lässt sich der Text doch auch als Parabel  über Machtstreben und Machtpolitik lesen.

Zehn Tage vor seinem Tod, schreibt Augustus an den Philosophen Nikolaos von Damaskus einen Brief und zieht eine nachdenkliche Bilanz seines Lebens. Er weist auf die Diskrepanz zwischen Wirken und Wollen hin und erkennt mit der Lebensklugheit des Todgeweihten die Unsinnigkeit der eigenen Existenz. Es ist einer der bewegendsten Texte in diesem Buch. Und hier ist Augustus erkennbar Williams Geschöpf. Zerrissen zwischen Schicksal und Lebenstraum. Allein in seinem innersten Sein.

 

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Jean Eribon
Rückkehr nach Reims
Suhrkamp * 978-3-518-07252-3 * 18 €

Als sein Vater stirbt, reist Didier Eribon zum ersten Mal nach Jahrzehnten in seine Heimatstadt. Gemeinsam mit seiner Mutter sieht er sich Fotos an - das ist die Ausgangskonstellation dieses Buchs, das autobiografisches Schreiben mit soziologischer Reflexion verknüpft. Eribon realisiert, wie sehr er unter der Homophobie seines Herkunftsmilieus litt und dass es der Habitus einer armen Arbeiterfamilie war, der es ihm schwer machte, in der Pariser Gesellschaft Fuß zu fassen. Darüber hinaus liefert er eine Analyse des sozialen und intellektuellen Lebens seit den fünfziger Jahren und fragt, warum ein Teil der Arbeiterschaft zum Front National übergelaufen ist.

Eine sehr interessante biografische Betrachtung, die die Lesenden besser verstehen lässt, warum auch leidenschaftlich vorgebrachte Veränderungswünsche einer adoleszenten Dissidenz bei den vermeintlich Angesprochenen Mitstreitenden so wenig Gehör findet. In Frankreich, auch bei uns?

Prädikat: äusserst lesenswert

Was unsere Kolleg*innen dazu sagen:

Um es vorwegzunehmen: Rückkehr nach Reims ist ein wunderbares Buch! Es ähnelt André Gorz’ Verräter darin, dass es eher eine minutiöse Autoanalyse ist als eine Autobiographie. Der renommierte französische Soziologe Didier Eribon, Schüler Bourdieus und Foucaults, thematisiert schonungslos und selbstkritisch seinen Bildungsaufstieg, der ihn von der Arbeiterklasse der Provinzstadt weg mitten unter die „Mandarine von Paris“ führt.
Autorenbuchhandlung Marx & Co. | Frankfurt

 

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Poetische Quellen - Bad Oeynhausen 2016
Tommy Wieringa
Dies sind die Namen
Hanser * 978-3-446-24739-0 * 22 €

Sie waren dreizehn auf ihrer Flucht, jetzt sind sie nur noch fünf. Eine Gruppe illegaler Migranten wurde von skrupellosen Schleppern in der Steppe östlich der Karpaten ausgesetzt. Ob sie die Grenzen ihres Landes wirklich überquert haben, erfahren sie lange nicht. In der fiktiven Stadt Michailopol irgendwo in Osteuropa herrschen Gesetzlosigkeit und Korruption. Pontus Beg ist dort Polizeikommissar. Job, Wohnung und regelmäßiger Sex sind ihm sicher, aber etwas Entscheidendes fehlt. Der Polizist und die Flüchtlinge - wonach sind sie auf der Suche und was wäre es, das zu finden sich lohnt? "Mitreißend, intelligent und überzeugend" (De Standaard) erzählt Tommy Wieringa von Zeiten des Umbruchs in Europa.

 

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Rasha Khayat
Weil wir längst woanders sind
DuMont * 978-3-8321-9814-5 * 19,99 €

Layla und Basil waren immer eine untrennbare Einheit, Geschwister, die zusammengehören, zwischen die nichts kommt. Bis Layla eine Entscheidung trifft, die alles verändert und die niemand versteht: Sie beschließt zu heiraten. Einen Mann in der alten Heimat, Saudi-Arabien. Keine Entscheidung aus Liebe, sondern aus Prinzip.>Weil wir längst woanders sind< erzählt die Geschichte von Basils Reise nach Jeddah zur Hochzeit seiner Schwester. Er möchte ein letztes Mal die alte Nähe spüren. Zugleich führt ihn sein Besuch mitten hinein in die eigene Vergangenheit: in den liebevoll-skurrilen Kosmos der saudischen Verwandtschaft, die in seinem »deutschen Leben« nie anwesend war und doch immer da in der Erinnerung. Was treibt Layla - eine nicht religiöse, freiheitsliebende junge Frau - dazu, sich für ein Land zu entscheiden, in dem Frauen alles andere als frei sind? Wie soll man umgehen mit einem Gefühl von Fremdheit, das unauflösbar scheint? Rasha Khayat stellt schmerzhafte Fragen. Und sie findet Antworten, die ebenso irritieren wie im Innersten berühren.

Die Autorin stellt ihr Buch im Rahmen der Poetischen Quellen - Bad Oeynhausen am

27.08.2016 18:00 Uhr vor.

 

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Andreas Maier
Der Kreis
Suhrkamp Verlag * 978-3-518-42547-3 * 20 €

Erscheint Anfang August 2016

Das Kind steht in der Bibliothek seiner Mutter und versucht zu begreifen, was es vor sich hat: Bücher. Der Dreizehnjährige geht auf sein erstes Heavy-Metal-Konzert und erkennt ausgerechnet dort, dass man es auch Ernst meinen kann mit Kunst und Existenz. Eine Theatertruppe bringt ihm schließlich die Rolle seines Lebens bei, und am Ende begreift er den wahren und einzigen Mythos der Kunst: Tu es.
Andreas Maiers Der Kreis ist eine Reflexion darüber, wie aus Vorläufigem Unbedingtes entstehen kann, wie man sich die Motive seines Lebens durch Anverwandlung des Gegebenen erschafft, und schließlich darüber, wie man überall, auch als Kind, ständig auf der Suche nach dem ist, was die Welt und das eigene Ich im Innersten zusammenhält.

Der Auto stellt seinen Roman im Rahmen der Poetischen Quellen 2016 - Bad Oeynhausen am

25.08.2016 um 19:30 Uhr vor.

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Katharina Winkler
Blauschmuck
Suhrkamp Verlag * 978-3-518-42510-7 * 18,95 €

Filiz wächst in einem kurdischen Dorf in der Türkei auf. Sie ist zwölf, als sie sich in den um wenige Jahre älteren Yunus verliebt und mit ihm von einem gemeinsamen Leben im Westen träumt: »>Wie wollen wir leben, Yunus? In Jeans. Wir werden Jeanshosen tragen. In Deutschland.<« Mit fünfzehn heiratet sie Yunus - heimlich und gegen den Willen ihres Vaters. Doch mit der Hochzeit platzen auch die Träume von Freiheit und Autonomie: Statt Jeans trägt Filiz jetzt Burka; gemeinsam mit den drei Kindern, die in dieser Ehe geboren werden, ist sie der körperlichen und seelischen Brutalität ihres Mannes und ihrer Schwiegermutter ausgesetzt. Daran ändert auch die Emigration der Familie in den Westen nichts - vorerst. Denn nach einer neuerlichen Eskalation der Gewalt gelingt Filiz das vermeintlich Unmögliche: die Befreiung aus physischer und psychischer Abhängigkeit.

Katharina Winklers Debütroman »Blauschmuck« beruht zur Gänze auf wahren Begebenheiten. Er macht die Abgründe von Abhängigkeit und brutaler Unterdrückung anschaulich und erzählt vom Leben einer Frau, in dem Liebe und Gewalt nicht nur untrennbar, sondern nicht mehr zu unterscheiden sind.

Die Autorin stellt ihren Roman im Rahmen der Poetischen Quellen 2016 - Bad Oeynhausen am

27.08.2016 um 13:30 Uhr vor

 

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Dzevad Karahasan
Der Trost des Nachthimmels
Suhrkamp Verlag * 978-3-518-42531-2 * 26,95 €

In Isfahan, der Hauptstadt des Seldschuken-Reiches, stirbt unerwartet ein hochangesehener Mann. Der Sohn des Verstorbenen fordert Aufklärung. An den Ermittlungen nimmt auch der Hofastronom Omar Chayyam teil. Er kommt zu dem Schluss, dass der Mann vergiftet wurde. Dabei hatte er versucht, den Trauernden davon zu überzeugen, dass es besser wäre, sich an den Vater zu erinnern, wie er war, anstatt dieses Bild durch Ermittlungen in Zweifel zu ziehen. Was fangen sie nun mit dieser Wahrheit an?Kurz darauf verdüstert sich der Horizont. Hofintrigen und soziale Spannungen bedrohen das Reich von innen, während ihm Kreuzritter und Mongolen von außen gefährlich werden. Doch der Sultan lehnt die Gründung eines Nachrichtendienstes zur Gefahrenbekämpfung ab. Ein verhängnisvoller Fehler.Als der berühmte Mathematiker und Dichter Jahrzehnte später Rechenschaft über sein Leben ablegt, ist das Reich zerfallen. Eine Terrororganisation, angeführt von einem früheren Weggefährten Omar Chayyams, versetzt die Gegend in Angst. Mit epischer Kraft, den Scharfsinn und die Ohnmacht seiner Protagonisten im Blick, schildert der große bosnische Schriftsteller Dzevad Karahasan, wie der heraufziehende religiöse Fundamentalismus eine blühende, von geistiger Vielfalt und Toleranz geprägte Epoche zerstört.

Der Autor stellt seinen Roman im Rahmen der Poetischen Quellen 2016 - Bad Oeynhausen gemeinsam mit dem Schauspieler und Synchronsprecher Rolf Becker am

28.08.2016 um 18:30 Uhr vor.

 

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Jan Böttcher
Y
Aufbau * 978-3-351-03640-9 * 19,95 €

"Ich versuche ständig, mit der Fremde warm zu werden. So wie ich nicht anders kann, als mit der Wärme zu fremdeln." In Deutschland lernen sie sich kennen. Im kriegszerstörten Kosovo können sie nicht zusammenbleiben. Nur ihrem Sohn gelingt es, die alten Grenzen hinter sich zu lassen. Jan Böttcher hat einen großen europäischen Roman geschrieben: die Geschichte einer ungleichen Liebe zwischen Nord und Süd, Heimat und Fremde, Schicksal und Selbstbestimmung.

Ein interessanter Roman, der sowohl eine (unglückliche) Liebesgeschichte, eine kulturelle Stippvisite in ein unbekanntes Kosovo, als auch eine Verschränkung der literarischen Fiktion mit der Virtualität von Computerspielen in sich vereint.

Prädikat: empfehlenswert!

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Unsere Tipps
Laurie Penny
Babys machen und andere Storys
nautilus * 978-3-96054-000-7 * 19,90 €

Weltneuheit: Short Stories von Laurie Penny!

Annie ist sauer auf ihren Mann Simon, weil dem das Baby im Kindersitz vom Autodach gefallen ist. Zum Glück ist Annie Robotikingenieurin und das Baby nur eine Maschine. Simon hat nun mal einfach kein Händchen für komplizierte Technik¿...

Ein Geschäftsessen im Stripclub, und als Schmuckstück der Firma unter all den mächtigen älteren Frauen: der junge, hübsche Praktikant. Er weiß, dass der Mann von heute alles haben kann, Karriere und Sexappeal! Also lacht er mit - und heult höchstens heimlich auf dem Klo¿...
Die misanthropische Ms Lehman arbeitet in einer staatlich geförderten Medienagentur, die zur Hebung der Volksmoral Welpenvideos online stellt. Niemand hätte ihr die Tierbefreiungsaktion im Lisbeth-Salander-Style zugetraut, doch auch das Video davon ist ein Hit¿...

Willkommen im Universum von Laurie Penny! Nach ihren erfolgreichen Sachbüchern »Unsagbare Dinge« und »Fleischmarkt«, mit jeweils über 10 000 verkauften Exemplaren, legt sie hier zum ersten Mal Erzählungen vor, feministische Science Fiction & Fantasy vom Feinsten. Ihr scharfer Blick für unbemerkte Zusammenhänge, ihr beißender Humor und ihr kluges Vergnügen an treffenden Bildern machen die Geschichten zu einer so unterhaltsamen wie provokanten Lektüre.

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Pierre Jarawan
Am Ende bleiben die Zedern
Berlin Verlag * 978-3-8270-1302-6 * 22 €

Berührend und äußerst spannend ist dieser Roman mit im Grunde zwei Hauptfiguren: das Kind/später der junge Mann Samir und der Libanon.

Mitte der 1980er Jahre flieht die junge Familie El-Hourani aus dem vom Bürgerkrieg geschüttelten Beirut nach Deutschland. Geschildert wird, wie die Familie hier ankommt und beginnt, sich langsam im Viertel einzugewöhnen, in Mitten vieler Familien mit ähnlichen Erfahrungen. Die enge Beziehung des Jungen Samir zu seinem Vater steht im Mittelpunkt des Romans; der Vater vermag es mit seinen phantasievollen Nachtgeschichten, die Sehnsucht nach dem Libanon auch im Kind wachzuhalten.

1992- Samir ist 8 Jahre alt – verschwindet der Vater und die Familie gerät in eine tiefgehende Krisensituation. Erst als junger Erwachsener vermag Samir aus dieser Erfahrung seine Schlüsse zu ziehen: Ohne die Klärung des väterlichen Verschwindens fühlt er sich nicht imstande, ein selbstbestimmtes und eigenständiges Leben zu führen. Er macht sich auf in den Libanon, auf die Suche nach dem Vater und  der eigenen Familiengeschichte. Und stellt sich seiner Sehnsucht nach diesem Land, seinen Farben, Gerüchen, seiner Landschaft, aber auch der Erkenntnis von tief gehenden , blutigen Konflikten dort.

Pierre Jarawan ist 1985 in Ammann/Jordanien geboren als Sohn eines libanesischen Vaters und einer deutschen Mutter; mit drei Jahren kam er mit seiner Familie nach Deutschland. Seit 2009 ist Pierre Jarawan erfolgreich als Slam Poet unterwegs . „Am Ende bleiben die Zedern“ ist sein erster Roman.

Mehr zum Autor unter: www.pierrejarawan.de

 

 

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Rabih Alameddine
Eine Überflüssige Frau
Louisoder * 978-3-944153-30-8 * 24,90 €

„Joseph Roth beendet Flucht ohne Ende mit dem Satz „So überflüssig wie er war niemand in der Welt.“ Das sehe ich anders. Niemand auf der ganzen Welt ist so überflüssig wie ich...Ich bin diejenige, die keine Arbeit, keine Hoffnung, keinen Ehrgeiz, noch nicht einmal Liebe für sich selbst hat.“ ( S. 415f)

 Aaliya, die Hauptfigur dieses Romans, inzwischen 72 Jahre alt, lebt in Beirut. Mit Anfang 20 kinderlos geschieden lebt sie allein und hat ihr Leben der Literatur, der Weltliteratur, gewidmet und hat im Lauf ihres Lebens 37 Romane ins Klassisch Arabische übersetzt. Wenn sie eine Übersetzung abgeschlossen hat, bündelt sie den Papierstapel, packt ihn in einen Karton und verstaut ihn im ehemaligen Dienstmädchenzimmer ihrer Wohnung.

Nach der Scheidung übernimmt sie auf Vermittlung ihrer Freundin einen Job in einer Buchhandlung, der ihr das karge Überleben sichert.

 Erzählt wird, wie Aaliya ihren Alltag als alleinstehende Frau im patriarchalischen und ständig von Bürgerkrieg geschüttelten Beirut besteht. Nach dem Auszug ihres Ehemanns versuchen ihre Brüder und auch die Mutter ihr die Wohnung wegzunehmen. „Mein Zuhause, meine Wohnung: In ihr lebe ich, bewege ich mich und bin ich...Meine Mutter konnte mir nicht gegenübertreten, ohne zu versuchen, mich zum Auszug zu überreden. ...Es sei meine Familienpflicht. Ich sei egoistisch, gefühllos und hochmütig. Wüsste ich denn nicht, was die Leute darüber sagten, dass ich allein lebte? Ich saß essend oder lesend in der Wohnung, und plötzlich begannen hinter der Tür das Hämmern und die Beschimpfungen. Mein Herz setzte kurz aus, ich zitterte am ganzen Körper. Manchmal, vor allem in den ersten Jahren des Alleinseins, hatte ich das Gefühl, meine Seele würde schrumpfen, wie eine Walnuss, die in ihrer Schale vertrocknete.“ (S.33)

 Ausgangssperren, Tote auf dem Bürgersteig, das Versiegen von Strom und Wasser – Aaliya meistert ihr Alltagsleben und zieht sich in die Welt der Literatur zurück: W.G.Sebald, Coetzee, Pessoa, Tolstoi, Virginia Woolf, Hemingway, Sylvia Plath, Magris … lang ist die literarische Namensliste, die in diesem Roman verarbeitet ist.

 Die Rahmenhandlung, aus der heraus das Leben Aaliyas erzählt wird, endet mit einem Paukenschlag: während sie noch mit der Problematik blau verfärbten Haares kämpft und überlegt, ob sie als nächstes Bolanos 2666 übersetzen soll, werden ihre Manuskripte von einem Rohrbruch beschädigt. Die anderen drei im Haus lebenden Frauen – von Aaliya stets auf Abstand gehalten – eilen herbei und gemeinsam versuchen sie, bügelnd und föhnend die Papiere zu retten.

 Der Autor dieses Romans Rabib Alamedine wurde 1959 in Jordanien geboren und gilt als eine der berühmtesten Stimmen des Nahen Ostens. Er ist Sohn libanesischer Drusen und wuchs in Kuwait, im Libanon und in England auf. Nach seinem Studium war er zunächst als Ingenieur tätig, bevor er Maler und Schriftsteller wurde. Von seinen vier Romanen ist dieser der erste, der ins Deutsche übersetzt wurde.

 Wenn man sich mit der politischen Geschichte des Libanons beschäftigt, die gekennzeichnet ist von innenpolitischen und außenpolitischen kriegerischen Auseinandersetzungen, und die den Hintergrund dieses Romans bildet, kann der Titel des Buches „Eine überflüssige Frau“ auch so gedeutet werden: Während der Kampf um religiöse und machtpolitische Sinnstiftung nur zu Krieg und Verderben führt, ist der Verzicht auf diese Form der Sinnsuche -wenn auch nicht einfach zu leben - vielleicht eine Alternative für eine friedlichere Welt.

 Herausgekommen ist dieses Buch im Louisoder Verlag, München, übersetzt von Marion Hertle.

Der Louisoder-Verlag wurde 2012 gegründet und hat drei Programmschwerpunkte: Vergessene Moderne, Guter Stoff, Heiße Ware (z.B.Feminist Porn Book). Näheres erfährt man auf der homepage des Verlages http://www.louisoder-verlag.de

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James Leslie Mitchell
Szenen aus Schottland
* 978-3-945370-06-3 * 19 €

Der Guggolz-Verlag wurde 1914 in Berlin von Sebastian Guggolz gegründet, der vorher einige Jahre im Verlag Matthes & Seitz als Lektor arbeitete. Der Verleger hat sich vorgenommen, pro Halbjahr zwei Titel auf den Buchmarkt zu bringen, was an sich bereits meine Sympathie hat angesichts der Überfülle der Neuerscheinungen. Zudem hat er sich vorgenommen, vergessene literarische Schätze vornehmlich der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts zu heben und ihnen eine sorgsame Edition zu schenken, was Übersetzung, Lektorat und Gestaltung betrifft.

Eine gerade neu erschienene Wiederentdeckung sind die Reportagen und Erzählungen des Schotten James Leslie Mitchell.
Er wurde 1901 in Auchterless, Kincardineshire in Schottland als Sohn eines Kätners geboren. Mit 16 Jahren verließ er die höhere Schule, arbeitete als Journalist u.a. in Glasgow und war Mitbegründer der Aberdeener Sowjets, in Anlehnung an die Russische Revolution. Später war er als kleiner Verwaltungsangestellter der Britischen Armee im Nahen Osten, Indien und Ägypten stationiert. Nach der Entlassung aus der Armee 1929 ließ er sich als freiberuflicher Autor in England nieder. Bis zu seinem frühen Tod veröffentlichte er zahlreiche Reportagen, Erzählungen und den Roman „Sunset Song“, der ihn über die Grenzen Schottlands bekannt machte.

In diesem Band „Szenen aus Schottland“ sind mehrere Erzählungen versammelt, die dem Bauernstand, aus dem der Autor selbst stammt, seinen Lebensumständen und Charakteren ein literarisches Denkmal setzen. Weitere Reportagen – Glasgow und Aberdeen - beschäftigen sich mit der Entwicklung der großen Städte und vor allem den Lebensumständen der Arbeiterklasse. Bürgerliche Sozialpolitik stellte dem Elend und der „sittlichen Verderbnis“ in den Arbeitervierteln der Städte die ländliche Idylle gegenüber: ein Konzept, das Mitchell aus eigenen Erfahrungen strikt ablehnte.


In seinen Erzählungen beschreibt er die herbe Schönheit der Mearns, einer Region im Nordosten Schottlands, und das Schicksal seiner Figuren, die unauflöslich mit Boden und Wetterläufen verbunden sind. Vor allem versucht er, dies sprachlich umzusetzen und im englischen Original schottische Formulierungen einzugliedern. Esther Kinsky hat in ihrer Übersetzung versucht, diese Töne und ihren Rhythmus mit einzufangen.

In der Erzählung „Lehm“ erzählt er vom Leben Rob Galts`, der mit seiner Familie – Frau und Tochter – einen Hof pachtet, der über dem Kampf mit dem Boden beide vergisst, dessen Kampf mit dem Lehmboden zum Schluss nur einen Sieger kennt: den Lehm.

Der Band ist am Schluss mit einem Nachwort Esther Kinskys – sie ist Übersetzerin englischer, polnischer und russischer Literatur und auch selbst Autorin ( „Banatsko“) - versehen, mit einer Kurzbiographie des Autors und einer Schottlandkarte. Die einzelnen Kapitel sind von Valeria Gordeew illustriert.

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